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Bannmeilen von Anne Weber

Raimund Gründler • 16. Juli 2024

Spaziergänge durch die Banlieues

Im neuen Roman von Anne Weber, der Trägerin des Deutschen Buchpreises 2020, passiert eigentlich so gut wie nichts. Und trotzdem wird er auf keiner der dreihundert Seiten langweilig. Die gesamte Handlung des Romans besteht aus endlosen Streifzügen der Erzählerin durch die Banlieues von Paris, die Vorstädte mit den endlosen Hochhaussiedlungen, die so oft für negative Schlagzeilen sorgen. Wie so viele Bewohnerinnen und Bewohner der französischen Hauptstadt, die innerhalb des Autobahnrings leben, hat sie diese Banlieues noch so gut wie nie betreten. Höchstens durchkreuzte sie sie einmal auf dem Weg zum Flughafen. Als ihr alter Freund Thierry jedoch den Auftrag erhält, in einem Film die großen Veränderungen zu dokumentieren, die die Olympischen Spiele 2024 in diesen dicht besiedelten Gebieten nach sich ziehen werden, ändert sich dies. Sie entscheidet sich ihn auf seinen langen Recherchewanderungen zu begleiten. Und irgendwann kommt sie dabei zur Überzeugung, dass diese Recherchen nicht nur in einem Film, sondern auch in einem Roman enden sollten. In diesem beschreibt sie die Gebäude, die Siedlungen und die Menschen.

Theirry, ein Mann wohl in seinen Fünfzigern, ist in den Banlieues aufgewachsen und algerischer Abstammung. Aus diesem Gegensatz zur gutbürgerlichen deutsch-französischen Erzählerin (Ähnlichkeiten mit der Autorin sind wohl nicht zufällig) gewinnt der Roman sein Potential. Über Erzählungen Thierrys erfahren die Leserinnen und Leser von den Veränderungen der letzten Jahrzehnte in den Vorstadtsiedlungen, leider oft nicht in die positive Richtung. Ebenso ergibt sich immer wieder ein Blick auf die Geschichte der Menschen aus Nordafrika in Frankreich. Die Dialoge der beiden Protagonisten geben dem Buch seine Würze. Anne Weber erweist sich hier wieder einmal als Meisterin der feinen und pointierten Schreibweise. Mit viel Ironie nehmen sich der Filmemacher und die Schriftstellerin gegenseitig auf die Schippe und zeigen so die jeweiligen Vorurteile auf. Hier bleibt zu hoffen, dass alle Leserinnen und Leser die Ironie und Persiflage verstehen und nicht auf die Idee kommen, jede zynische Bemerkung für eine entsprechende Meinungsäußerung zu halten.

„Bannmeilen“ ist ein Reiseführer in eine Welt, die den meisten von uns unbekannt sein dürfte. An vielen Stellen regt das Buch zum Nachdenken an, an manchen Punkten erschüttert es beinahe. Beispielsweise, wenn lakonisch erzählt wird, wie es gerade eine Straßenseite ist, die eine Siedlung mit feinen Häuschen von einem abrissreifen Hochhaus trennt, in denen sich Menschen ohne Einkommen und Perspektive mehr oder weniger legal aufhalten. Immer wieder stellt man sich beim Lesen die Frage, wo in diesem Buch die Erzählung aufhört und wo die Fiktion beginnt. Diese Frage muss nicht im Detail beantwortet werden, die wesentlichen Elemente des Romans könnten wohl ebenso auf den Reportageseiten großer Tageszeitungen stehen.

Der Roman erweitert den Blick auf die Banlieues, den die beeindruckenden Fotos von Jean-Michel Landon in der Fotoausstellung „La vie des blocs“ in den Reiss-Engelhorn-Museen in der Saison 2023/2024 freigaben. Fast könnte man von einem Buch zur Ausstellung sprechen, wobei die Fotografien von Landon etwas mehr Optimismus ausstrahlten als der Roman. „Bannmeilen“ ist aber auch eine gute Erklärung für all jene, die nachvollziehen wollen, wieso Paris so viel Hoffnung in seine Olympischen Spiele 2024 legt. Nichts weniger als eine Transformation von Teilen der Vorstädte wird erwartet.

„Bannmeilen – Ein Roman in Streifzügen“ von Anne Weber ist erschienen bei Matthes & Seitz Berlin, 301 Seiten, 25 Euro.
von Raimund Gründler 26. Januar 2025
Am 27. Januar 2025 jährt sich zum 80igsten Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Seit 1996 wird dieser Tag in Deutschland als offizieller Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen, 2005 erklärten ihn die Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. In einer Zeit, in der Dinge, die jahrzehntelang als unsagbar galten, plötzlich wieder ungeniert verbreitet werden, in einer Zeit, in der wieder die Entrechtung von Menschen gefordert wird, ist so ein Gedenktag wichtiger und notwendiger denn je. Dabei kommt den Stimmen der Überlebenden eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten und müssen uns Mahnung für unser Handeln sein. Achtzig Jahre nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Terrorsystems wird die Zahl der Zeitzeugen leider von Jahr zu Jahr geringer. Immer weniger Menschen können den nachfolgenden Generationen aus eigener Erfahrung von den Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft berichten. Immer seltener werden damit die Stimmen, die aus eigenem Erleben berichten können, zu welchen Exzessen totalitäre Systeme führen können und was es bedeutet, wenn die Bewahrung der Würde jedes einzelnen Menschen unabhängig von seiner Herkunft und Religion nicht mehr oberste Maxime eines Staates ist. Umso wichtiger ist es, dass die Texte, die uns Überlebende hinterlassen haben, von Generation zu Generation weitergegeben werden. Sie machen am Einzelschicksal deutlich, was die totale Entrechtung jeweils für einen einzelnen Menschen bedeutete. Solche Bücher müssen immer wieder neu diskutiert und weiter gegeben werden damit die Erinnerungen dieser Menschen im öffentlichen Gedächtnis nicht verblassen. Drei dieser Bücher wollen wir Ihnen heute am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus besonders empfehlen. Max Mannheimer: Drei Leben - Erinnerungen „Drei Leben“ das sind die unbeschwerte Jugend vor dem Anschluss des Sudentenlandes an das Deutsche Reich, das Überleben der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau, und das Leben danach, das Mannheimer trotz seiner Erlebnisse tatkräftig und optimistisch gestaltete. Primo Levi: Ist das ein Mensch Der Bericht des italienischen Ausschwitz-Überlebenden wurde bereits 1947 veröffentlicht. Er gehört also zu den frühesten niedergeschriebenen Zeugnissen. Bis heute gilt er als eine der eindrucksvollsten Beschreibungen des Terrors und des Schreckens in den Konzentrationslagern. Ginette Kolinka: Rückkehr nach Birkenau – Wie ich überlebt habe Kolinka wurde aus ihrer französischen Heimat nach Auschwitz verbracht. Durch den nüchternen Stil ihrer Erzählung erfassen die Schrecken des Lageralltags mit Angst, Hunger, Dreck und Gestank die Leserinnen und Leser besonders unvermittelt. Dies sind nur drei Leseempfehlungen. Viele andere Lesenswerte Bücher bleiben ungenannt. Eine viel umfassendere Liste hat das Kulturmagazin Perlentaucher zusammengestellt, die wir Ihnen empfehlen und die Sie hier finden .
von Raimund Gründler 9. Oktober 2024
Kurzbesprechung des Romans "Lichtungen" von Iris Wolff.
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"Mannheim liest ein Buch" geht 2024 in die 3. Runde. Glesen wird "Drei Kameradinnen" von Shida Bazyar. Wir stellen ihnen das Buch vor.
9. April 2024
Michael Augustin widmet Czernowitz ein Gedicht - eine beeindruckende Homage dieser bedrängten Stadt.
Ein Roman aus dem Jahr 1922 - aktueller denn je.
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Eine bitterböse Satire des österreichischen Autors Hugo Bettauer. Wenn heute rechtsextreme Kräfte von "Remigration" fantasieren, wird es Zeit, diesen Roman wieder zur Hand zu nehmen.
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Mannheim liest "Beschreibung einer Krabbenwanderung". Das ist ein Buch, das hervorragend zu Mannheim passt.
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Mit "Kein Haus aus Sand" legt Anja Kampmann ein beeindruckendes Hörspiel vor, das mit Stimmen der Vergangenheit die aktuelle Situation in Europa reflektiert.
von Raimund Gründler 25. April 2022
Schon über zwei Monate tobt der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Intensiv wird in Deutschland die Frage diskutiert, wie vor diesem Hintergrund mit russischer Kultur und russischen Künstlern in Deutschland umgegangen werden soll. Wir stellen Ihnen heute einen Roman vor, der einen Blick ins oppositionelle Russland gewährt, der aber auch erahnen lässt, wieso eine wirkungsvolle Opposition gegen Wladimir Putin schon in den letzten Jahren nicht zustande kam.
von Raimund Gründler 20. März 2022
Leipziger Skizzenbuch mit Skizzen von Niels Gormsen und Gedichten von Manfred Klenk, Ralph Grüneberger und Michael Augustin führt in die sächsische Messestadt.
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