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Ein großer europäischer Roman

Raimund Gründler • 9. Oktober 2024

"Lichtungen" von Iris Wolff

„Wann kommst Du?“ – wenn diese drei Worte auf einer Postkarte genügen. um einen Mann mittleren Alters aus seinem Alltagstrott herauszureißen und zu einer Fahrt quer durch Europa aufbrechen zu lassen, dann muss schon eine ganz besondere Beziehung zwischen Absenderin und Adressat bestehen. Oder sollte man besser sagen, bestanden haben? Denn die Karte wird in Zürich abgeschickt, nachdem die Schreiberin ihre rumänische Heimat schon etliche Jahre hinter sich gelassen hat.

Mit diesem Aufbruch, dem ein Zusammentreffen in Zürich folgt, eröffnet Iris Wolff ihren Roman „Lichtungen“. Sie erzählt darin von Lev und Kato, die seit ihren Kindertagen in einem kleinen rumänischen Dorf eng miteinander verbunden sind. Was als Freundschaft unter Kindern begann, führte zu einer Liebesbeziehung junger Erwachsener. Wie fest und intensiv diese ist, wird nicht ganz klar, denn die Autorin tritt nicht jede Gefühlsregung ihrer Figuren breit. Manches wird im Unklaren gelassen, mancher Gedanke wird nicht zu Ende gesponnen. In einem Zeitalter, in dem viele junge Menschen in den verschiedenen Online-Medien jede Empfindung der Öffentlichkeit preisgeben und noch breittreten, fällt dies noch mehr auf und steigert den Reiz der Leserinnen und Leser an den Protagonisten.

Unabhängig davon, wie fest die Beziehung des Paares war, den Fall des kommunistischen Regimes und die Öffnung der europäischen Grenzen überlebt sie nicht. Während der junge Mann in seiner Heimat festsitzt, zieht es die dynamischere Kato hinaus in die Welt. Lev bleiben nur ihre gezeichneten Postkarten aus ganz Europa.

Mit „Lichtungen“ schreibt Iris Wolff aber nicht nur die berührende Geschichte einer bemerkenswerten Beziehung. Sie legt auch einen großen europäischen Roman vor, in dem die kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt des Balkans und der große Umbruch in Europa Ende des 20. Jahrhunderts die Handlung wesentlich beeinflussen. Gleichzeitig bringt sie den Leserinnen und Lesern diese Region nahe, die über Jahrzehnte aus dem Bewusstsein der meisten Mitteleuropäer verschwunden war. Manch persönliche Erfahrung oder Familienerfahrung der Autorin dürfte in das Buch eingeflossen sein, ist sie doch 1977 in Hermannstadt in Siebenbürgen geboren. Im Alter von acht Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Heute gehört sie zu den gefragtesten zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Mit ihrem Roman „Die Unschärfe der Welt“ war sie 2020 für den Deutschen und den Bayerischen Buchpreis nominiert, 2021 erhielt sie den renommierten Marie Luise Kaschnitz-Preis und den Preis der LiteraTour Nord. Und mit „Lichtungen“ steht sie 2024 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Dies kam nicht ganz unerwartet. Als das Buch Anfang des Jahres vorgestellt wurde, waren die Feuilletons der großen Zeitungen gefüllt mit positiven Besprechungen und der Literaturkritiker Denis Scheck sprach von einem „ganz großen literarischen Kunstwerk“ und stellte fest, dass das Literaturjahr 2024 mit einem Paukenschlag beginne.
von Raimund Gründler 26. Januar 2025
Am 27. Januar 2025 jährt sich zum 80igsten Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Seit 1996 wird dieser Tag in Deutschland als offizieller Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen, 2005 erklärten ihn die Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. In einer Zeit, in der Dinge, die jahrzehntelang als unsagbar galten, plötzlich wieder ungeniert verbreitet werden, in einer Zeit, in der wieder die Entrechtung von Menschen gefordert wird, ist so ein Gedenktag wichtiger und notwendiger denn je. Dabei kommt den Stimmen der Überlebenden eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten und müssen uns Mahnung für unser Handeln sein. Achtzig Jahre nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Terrorsystems wird die Zahl der Zeitzeugen leider von Jahr zu Jahr geringer. Immer weniger Menschen können den nachfolgenden Generationen aus eigener Erfahrung von den Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft berichten. Immer seltener werden damit die Stimmen, die aus eigenem Erleben berichten können, zu welchen Exzessen totalitäre Systeme führen können und was es bedeutet, wenn die Bewahrung der Würde jedes einzelnen Menschen unabhängig von seiner Herkunft und Religion nicht mehr oberste Maxime eines Staates ist. Umso wichtiger ist es, dass die Texte, die uns Überlebende hinterlassen haben, von Generation zu Generation weitergegeben werden. Sie machen am Einzelschicksal deutlich, was die totale Entrechtung jeweils für einen einzelnen Menschen bedeutete. Solche Bücher müssen immer wieder neu diskutiert und weiter gegeben werden damit die Erinnerungen dieser Menschen im öffentlichen Gedächtnis nicht verblassen. Drei dieser Bücher wollen wir Ihnen heute am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus besonders empfehlen. Max Mannheimer: Drei Leben - Erinnerungen „Drei Leben“ das sind die unbeschwerte Jugend vor dem Anschluss des Sudentenlandes an das Deutsche Reich, das Überleben der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau, und das Leben danach, das Mannheimer trotz seiner Erlebnisse tatkräftig und optimistisch gestaltete. Primo Levi: Ist das ein Mensch Der Bericht des italienischen Ausschwitz-Überlebenden wurde bereits 1947 veröffentlicht. Er gehört also zu den frühesten niedergeschriebenen Zeugnissen. Bis heute gilt er als eine der eindrucksvollsten Beschreibungen des Terrors und des Schreckens in den Konzentrationslagern. Ginette Kolinka: Rückkehr nach Birkenau – Wie ich überlebt habe Kolinka wurde aus ihrer französischen Heimat nach Auschwitz verbracht. Durch den nüchternen Stil ihrer Erzählung erfassen die Schrecken des Lageralltags mit Angst, Hunger, Dreck und Gestank die Leserinnen und Leser besonders unvermittelt. Dies sind nur drei Leseempfehlungen. Viele andere Lesenswerte Bücher bleiben ungenannt. Eine viel umfassendere Liste hat das Kulturmagazin Perlentaucher zusammengestellt, die wir Ihnen empfehlen und die Sie hier finden .
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Die Banlieues von Paris - Soziale Brennpunkte und Austragungsort olympischerWettkämpfe. Anne Weber führt uns auf zahlreichen Spaziergängen durch diese widersprüchliche Welt.
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"Mannheim liest ein Buch" geht 2024 in die 3. Runde. Glesen wird "Drei Kameradinnen" von Shida Bazyar. Wir stellen ihnen das Buch vor.
9. April 2024
Michael Augustin widmet Czernowitz ein Gedicht - eine beeindruckende Homage dieser bedrängten Stadt.
Ein Roman aus dem Jahr 1922 - aktueller denn je.
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Eine bitterböse Satire des österreichischen Autors Hugo Bettauer. Wenn heute rechtsextreme Kräfte von "Remigration" fantasieren, wird es Zeit, diesen Roman wieder zur Hand zu nehmen.
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Mit "Kein Haus aus Sand" legt Anja Kampmann ein beeindruckendes Hörspiel vor, das mit Stimmen der Vergangenheit die aktuelle Situation in Europa reflektiert.
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Schon über zwei Monate tobt der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Intensiv wird in Deutschland die Frage diskutiert, wie vor diesem Hintergrund mit russischer Kultur und russischen Künstlern in Deutschland umgegangen werden soll. Wir stellen Ihnen heute einen Roman vor, der einen Blick ins oppositionelle Russland gewährt, der aber auch erahnen lässt, wieso eine wirkungsvolle Opposition gegen Wladimir Putin schon in den letzten Jahren nicht zustande kam.
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Leipziger Skizzenbuch mit Skizzen von Niels Gormsen und Gedichten von Manfred Klenk, Ralph Grüneberger und Michael Augustin führt in die sächsische Messestadt.
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